Landesstelle Berlin für Suchtfragen e.V.
Gierkezeile 39, 10585 Berlin
Tel.: 030 - 34 38 91 60
Fax: 030 - 34 38 91 62
Mail: info@landesstelle-berlin.de

Öffnungszeiten
Di: 14:00 Uhr - 17:00 Uhr | Do: 11:00 - 15:00 Uhr
und nach Terminvereinbarung

Biografien

Namenlos

Guten Abend meine Damen und Herren,

ich bin Teilnehmer der Dienstagsgruppe in diesem Hause und möchte Ihnen hier mit einigen Worten meinen Weg zu dieser Gruppe, die dadurch resultierenden Veränderungen im Leben, respektive meine neugewonnene Freizeitgestaltung nahe bringen.

Ich beginne mit der Freizeit.
Was ist eigentlich Freizeit? Freizeit ist die Zeit, die einem Menschen zur Verfügung steht. Nach Arbeit und allen persönlichen Verpfichtungen ist die Freizeit dann die Zeit, die noch übrig bleibt. Sie dient der Entspannung, Erholung und Erhaltung sozialer Kontakte. Sie hilft uns unsere Leistungsfähigkeit wieder herzustellen, d. h., die körperlich und seelische Ernergie zu fördern.

Die Freizeit war immer da. Doch dann wurde ich krank und konnte meine Freizeit nicht mehr in dem Umfang nutzen, der mir Spaß gemacht hätte, da ich meine Freizeit immer mehr dem Alkohol opferte. Viele interessante Events konnte ich nicht mehr wahrnehmen, weil zunehmend der Alkohol im Vordergrund stand und mich damit in Besitz nahm. Ich konnte mich gedanklich immer schwerer auf bestimmte Dinge einlassen, da mich der Alkohol immer wieder periodisch im Griff hatte.

Sehr vieles, was mir am Herzen lag (z. B. besondere Ausstellungen, Reisen und Familientreffen) habe ich versäumt und bedauere es noch immer. Jetzt, im nüchternen Zustand, in dem ich all meine alten Interessen und sozialen Kontakte wieder aufnehmen kann, stellt sich immer seltener (nahezu minimal) das Verlangen nach Alkohol ein.

Um zu diesem Punkt in meinem Leben zu kommen, bedurfte es einen langes Weges.

Nach einem schweren Alkoholexzess landete ich in der einzigen, nur für meinen Bezirk zuständigen, Entgiftungsstation. Es handelte sich dabei um eine geschlossene psychiatrische Abteilung. Über 10 Tage war ich mit schwerst psychotischen Patienten auf der Station und auch in meinem Zimmer. Eine Entgiftung ist keine besonders angenehme Erfahrung und zudem waren meine Eindrücke sehr verstörend und beängstigend. Freizeitangebote im Sinne von Beschäftigungstherapie gab es überhaupt nicht, aber ich konnte mir wegen der schrecklichen Zustände darüber auch keine Gedanken machen.
Im Gegenteil, ich machte mir nur Gedanken darüber, wie ich die furchtbaren Erlebnisse dort so schnell, wie möglich, vergessen kann. Das führte dazu, dass ich mir vermehrt wieder neue Gedanken über Alkohol machte. Mit jetztigem Wissen würde ich sagen, dass dieser beschäftigungslose Entzug eher kontraproduktiv war. Mein Selbsterhaltungstrieb und der Wille ein alhoholfreies Leben zu leben, um mein altes Leben zurückzugewinnen, war jedoch so stark, dass ich im Anschluss eine ganztägig ambulante Reha über einen Zeitraum von 4 Monaten besuchte.

Neben 2 mal wöchentlich stattfndenden Gesprächen von jeweils 1 Stunde, fanden rhythmische Tänze und Ergotherapie statt. Obwohl ich an den rhythmischen Tänzen sowie der Ergotherapie (Mosaike anfertigen, malen und töpfern) während meiner Reha teilnehmen musste und ich sie hiermit nicht ad absurdum führen möchte, da sie vielleicht für viele Rehabilitanden hilfreich sind, war das für mich persönlich nicht der richtige Ansatz.

Ich wußte, dass ich diese Angebote zu Hause nicht weiterführen würde, da sie mich nicht vom Trinken abhalten könnten. Vielmehr fehlte mir während meiner gesamten Reha eine engmaschige therapeutische Gespächsbegleitung. Jeden Samstag gab es außerdem noch verpfichtende Ausfüge mit der gesamten Gruppe, um uns wieder so etwas wie Freizeit nahe zu bringen. In anderen Worten, das könnt ihr alles machen, wenn ihr nüchtern und stabil seid. Juchhu! Aber: es gibt eine Freizeit, die ich mir selbst aussuchen kann und eine Freizeit, die mir aufgezwungen wird. Wenn der Mensch gezwungen wird an einem Freizeitangebot teilzunehmen, es ihn aber überhaupt nicht interessiert, ist das der falsche Ansatz.

Naturgemäß befinden sich in einer Gruppe von ca. 44 Menschen auch die unterschiedlichsten Interessen und intellektuellen Fähigkeiten. Jeder versteht unter Freizeit etwas anderes. Der Eine ist glücklich zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen, der Andere erfreut sich an langen Spaziergängen. Ich gestaltete mir meine Freizeit mit Dingen die mich interessieren, z. B. Geschichte, Kultur aber auch langen Wanderungen in der Natur.

Während der Reha wurde mir immer wieder nahegelegt, wie wichtig es ist, eine Gruppe zu besuchen, da neben Gesprächen einige Gruppen auch unterschiedliche Freizeitaktivitäten anbieten.

Die Suche nach einer für mich geeigneten Gruppe gestaltete sich schwieriger, als gedacht. Monologgruppen kamen für mich von vornherein nicht in Frage. Ich besuchte verschiedene Dialoggruppen, die aber z. T. ihre Mitglieder bei Rückfällen niedermachten und beschimpften. Das kam für mich nicht in Frage.

Auch die Freizeitangebote einiger Gruppen waren nichts für mich, denn Drachenbootfahren, Reiterhof und Gruppenfahrten ins Berliner Umland entsprechen nicht meinen persönlichen Neigungen. Nüchtern gelang es mir es mir aber auf eigene Faust meine alten Interessen, die ich lange vernachlässigt hatte, wieder aufzunehmen.

Den Gruppengedanken hatte ich schon wegen vieler verstörender Erfahrungen ad acta gelegt. Meine Freundin hielt einen weiteren Gruppenbesuch für wichtig und war immer der Ansicht, dass es auch für mich eine mir passende Gruppe geben muss. Sie gab mir eines Tages den Tipp mich bei der Landesstelle für Suchtfragen zu informieren. Nach einer kurzen Beratung kam ich in eine Gruppe, in der ich mich sofort aufgehoben fühlte.

Der Gruppenbesuch bestärkte mich in meinem Glauben, dass es noch etwas anderes außer den Alkohol gibt und gab mir den Impuls meine Freizeit wieder so zu leben, wie ich es vor meiner fürchterlichen Erkrankung gewohnt war.

Heute ist der Gedanke an Alkohol nicht mehr omnipräsent, ich fühle mich wohl in meiner Haut, gesund und stark.

Ich bin entspannt, weil ich ohne den Druck trinken zu müssen in Ausstellungen gehen kann, Konzerte besuchen kann, oder zuverlässig jede Verabredung einhalten kann. Aber auch ein friedvoller Nachmittag an der Havel ist wieder möglich und sogleich Entspannung und Freizeit.

Abschließend kann ich nur sagen: ich bin froh wieder der Alte zu sein.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit
N.N.

Landesstelle Berlin für Suchtfragen e.V.
Gierkezeile 39, 10585 Berlin
Tel.: 030 - 34 38 91 60
Fax: 030 - 34 38 91 62
Mail: info@landesstelle-berlin.de

Öffnungszeiten
Di: 14:00 Uhr - 17:00 Uhr | Do: 11:00 - 15:00 Uhr
und nach Terminvereinbarung